Notenschrift im Überblick
Die Notenschrift entstand in Schritten. Jeder Schritt löste ein neues Problem: erst die Tonhöhe, dann die Tondauer, dann immer feinere Werte.
- ab 9. Jh.Neumen Zeichen über dem Text erinnern an den Melodieverlauf. Tonhöhe und Dauer sind nur ungefähr festgelegt.
- um 1025Linien Guido von Arezzo ordnet die Zeichen auf Linien im Terzabstand an. Jetzt steht die Tonhöhe fest.
- 12. Jh.Quadratnotation Die Neumen werden zu viereckigen Notenköpfen und Ligaturen. So wird bis heute der Gregorianische Choral notiert.
- ca. 1170–1250Modalnotation Die Notre-Dame-Schule in Paris liest aus der Abfolge der Ligaturen einen Rhythmus.
- ab ca. 1260Mensuralnotation Jede Notenform hat eine eigene Dauer: zuerst schwarz (Franco von Köln, Ars nova), ab ca. 1430 weiß.
- ab ca. 1600Heutige Notation Taktstriche, runde Notenköpfe und Taktangaben setzen sich durch.
Modalnotation
Um 1170–1250 komponieren Léonin und Pérotin an der Kathedrale Notre-Dame in Paris mehrstimmige Organa. Mehrere Stimmen müssen genau zusammenpassen, deshalb braucht man einen festen Rhythmus. Die Lösung: Die Notenzeichen selbst bleiben die der Quadratnotation, aber die Reihenfolge der Ligaturen verrät, welches rhythmische Muster gilt.
So funktioniert es
- Ligatur: mehrere Töne in einem Zeichen, auf eine Silbe gesungen. Man liest sie von links nach rechts.
- Nur zwei Dauern: Longa (lang) und Brevis (kurz). Eine Longa dauert meist zwei oder drei Breven.
- Dreierzeit: Gezählt wird in Gruppen zu drei Zählzeiten (Perfectio), als Abbild der Dreifaltigkeit.
- Sechs rhythmische Modi: feste Muster nach antiken Versfüßen. Ein Stück bleibt meist in einem Modus.
- Erkennen: Zählt man, wie viele Töne die Ligaturen nacheinander haben (3 · 2 · 2 · 2 …), weiß man den Modus.
Grenzen
Eine einzelne Note hat für sich keinen festen Wert, sie bekommt ihn erst aus dem Zusammenhang. Sobald viele Silben Text vertont werden, lassen sich die Töne nicht mehr zu Ligaturen binden, und das Muster ist nicht mehr lesbar. Auch Abweichungen vom Modus kann diese Schrift kaum zeigen. Deshalb entsteht bald danach die Mensuralnotation.
Beispiel 1: Die Bausteine, also Ligaturen der Quadratnotation
Jede Ligatur wird von links nach rechts gelesen. Darunter steht, in welcher Reihenfolge die Töne erklingen.
- Pes / Podatus2 Töne, aufwärts: zuerst der untere (1), dann der obere (2)
- Clivis / Flexa2 Töne, abwärts: zuerst der obere, dann der untere
- Torculus3 Töne: tief – hoch – tief
- Porrectus3 Töne: hoch – tief – hoch; der Schrägbalken steht für zwei Töne (Anfang und Ende)
- Climacus3 Töne, abwärts: Viereck, dann Rauten
- Scandicus3 Töne, aufwärts von unten nach oben
Beispiel 2: Die sechs rhythmischen Modi
| Modus | Versfuß | Muster | Ligaturen nacheinander | heute etwa |
|---|---|---|---|---|
| 1. | Trochäus | lang – kurz | 3 · 2 · 2 · 2 … | ♩ ♪ |
| 2. | Jambus | kurz – lang | 2 · 2 · 2 … 3 | ♪ ♩ |
| 3. | Daktylus | lang – kurz – kurz | 1 · 3 · 3 · 3 … | ♩. ♪ ♩ |
| 4. | Anapäst | kurz – kurz – lang | 3 · 3 · 3 … 1 (selten) | ♪ ♩ ♩. |
| 5. | Spondeus | lang – lang | Einzelnoten oder Dreierligaturen, v. a. im Tenor | ♩. ♩. |
| 6. | Tribrachys | kurz – kurz – kurz | 4 · 3 · 3 · 3 … | ♪ ♪ ♪ |
Im 3. Modus dauert die erste Longa drei Zählzeiten, die zweite Brevis wird auf zwei Zählzeiten verlängert (brevis altera). So ergeben lang – kurz – kurz zusammen wieder 3 + 3.
Beispiel 3: Eine Ligaturenkette lesen (1. Modus)
Werke
Léonin: Magnus liber organi (um 1170/80)
Zweistimmige Organa für das Kirchenjahr. Über lang ausgehaltenen Choraltönen im Tenor bewegt sich eine rhythmisch freiere Oberstimme.
Hörbeispiel auf YouTube suchen ↗Pérotin: Viderunt omnes (1198)
Vierstimmiges Organum für Weihnachten. Die drei Oberstimmen laufen im 1. Modus in gleichem Rhythmus, darunter liegt der gedehnte Choral.
Hörbeispiel auf YouTube suchen ↗Teste dich: Welcher Modus ist das?
- Ligaturen 3 · 2 · 2 · 2: 1. Modus (lang – kurz)
- Ligaturen 4 · 3 · 3 · 3: 6. Modus (lauter Kürzen)
- Einzelnote, dann 3 · 3 · 3: 3. Modus (lang – kurz – kurz)
Mensuralnotation
Die „messende“ Notenschrift (lat. mensura = Maß) gibt jeder Notenform eine eigene Dauer. Der Rhythmus hängt nicht mehr von Mustern ab, sondern steht in den Zeichen selbst. Das macht den Komponisten zum Urheber eines festen Werks: Guillaume de Machaut verlangte, seine Stücke so vorzutragen, „wie sie geschrieben sind, ohne etwas hinzuzutun oder hinwegzunehmen“.
So funktioniert es
- Franco von Köln beschreibt um 1280 in Ars cantus mensurabilis Notenformen mit festem Wert: Longa, Brevis, Semibrevis.
- Perfekt oder imperfekt: Ein Notenwert teilt sich in drei (perfekt) oder in zwei kleinere Werte (imperfekt).
- Ars nova (Philippe de Vitry, um 1320) ergänzt die Minima und erlaubt Zweier- und Dreierteilung gleichberechtigt.
- Mensurzeichen am Anfang zeigen die Teilung an, Vorläufer unserer Taktangaben.
- Der kleinste Wert soll noch auf eine Silbe singbar sein: „quod est minimum in plenitudine vocis“ (Franco von Köln).
Schwarz und weiß
Schwarze Mensuralnotation (ca. 1260–1430): ausgefüllte Notenköpfe, rote Noten zeigen Abweichungen von der Teilung an (Kolorierung).
Weiße Mensuralnotation (ca. 1430–1600): Chöre werden größer und singen aus einem großen Chorbuch, die Noten werden größer geschrieben. Man zeichnet nur noch die Umrisse, auch weil ausgefüllte Noten auf dem neuen, dünnen Papier durchschlagen. Daher sind halbe und ganze Noten bis heute hohl.
Beispiel 1: Notenwerte der weißen Mensuralnotation
| Name | Zeichen | heutiger Nachfahre |
|---|---|---|
| Maxima | 𝆶 | kein heutiger Wert |
| Longa | 𝆷 | kaum noch gebraucht |
| Brevis | 𝆸 | 𝅜 Doppelganze (engl. breve) |
| Semibrevis | 𝆹 | 𝅝 Ganze (engl. semibreve) |
| Minima | 𝆹𝅥 | 𝅗𝅥 Halbe (engl. minim) |
| Semiminima | 𝆺𝅥𝅮 | ♩ Viertel |
| Fusa | 𝆺𝅥𝅯 | ♪ Achtel |
| Semifusa | wie Fusa, mit zwei Fähnchen | 𝅘𝅥𝅯 Sechzehntel |
Beispiel 2: Dreier- und Zweierteilung
Beispiel 3: Mensurzeichen und heutige Taktarten
| Zeichen | Name | Teilung | heute etwa |
|---|---|---|---|
| 𝇇 | tempus perfectum, prolatio maior | Brevis 3 · Semibrevis 3 | 9/8 |
| 𝇈 | tempus perfectum, prolatio minor | Brevis 3 · Semibrevis 2 | 3/4 |
| 𝇊 | tempus imperfectum, prolatio maior | Brevis 2 · Semibrevis 3 | 6/8 |
| 𝇋 | tempus imperfectum, prolatio minor | Brevis 2 · Semibrevis 2 | 2/4 |
Der Kreis stand für das „vollkommene“ Dreiermaß. Der Halbkreis lebt bis heute fort: Das Zeichen 𝄴 für den 4/4-Takt ist kein „C“ für „common time“, sondern das alte Zeichen für die Zweierteilung, und 𝄵 (alla breve) seine durchgestrichene, schnellere Form.
Werke
Guillaume de Machaut: Messe de Nostre Dame (um 1360)
Die erste vollständige mehrstimmige Messvertonung eines einzelnen Komponisten, in schwarzer Mensuralnotation der Ars nova, mit komplexen Rhythmen und Isorhythmie.
Hörbeispiel auf YouTube suchen ↗Oswald von Wolkenstein (1377–1445)
Er ließ seine Lieder sorgfältig in Handschriften sammeln, die Innsbrucker Liederhandschrift (1432) zeigt sein Porträt. Neben einstimmigen Liedern stehen mehrstimmige Sätze, deren Rhythmus in Mensuralnotation festgehalten ist.
Hörbeispiel auf YouTube suchen ↗Ausblick: Guillaume Dufay, Josquin des Prez
Die großen Messen und Motetten der Renaissance stehen in weißer Mensuralnotation. Sie bleibt bis etwa 1600 in Gebrauch.
Weiter zur Renaissance →Modal- und Mensuralnotation im Vergleich
| Modalnotation | Mensuralnotation | |
|---|---|---|
| Zeit | ca. 1170–1250 | ca. 1260–1600 (schwarz, dann weiß) |
| Wo / wer | Notre-Dame-Schule Paris: Léonin, Pérotin | Franco von Köln, Ars nova (Vitry, Machaut), bis Renaissance |
| Rhythmus steckt in … | der Abfolge der Ligaturen | der Form jeder einzelnen Note |
| Notenwerte | Longa und Brevis | Maxima bis Semifusa |
| Teilung | immer dreizeitig | dreizeitig oder zweizeitig, angezeigt durch Mensurzeichen |
| Grenze | Muster starr, Textvertonung schwer | sehr genau, bereitet die heutige Notation vor |
Quellen
- Unterrichtsmaterial „Modalnotation – Die Ligaturen“ (08.11.2024) und „Die Mensuralnotation“ (10.01.2025)
- Franco von Köln: Ars cantus mensurabilis, um 1280; Johannes de Garlandia: De mensurabili musica, um 1240
- Willi Apel: Die Notation der polyphonen Musik 900–1600, Leipzig 1962
- Wikipedia: Modalnotation ↗ · Wikipedia: Mensuralnotation ↗